Länderschwerpunkt

15. Länderschwerpunkt
Schottland

Alba gu bràth!

Noch vor dem Brexit 2016 – dem die etwa fünf Millionen Schotten mit 62% eine Absage erteilten, so viele wie kein anderes Land des Vereinigten Königreichs – entschied Schottland im Jahr 2014 über seine eigene Unabhängigkeit, auch damals mehrheitlich dagegen. Dieser Kontrast zur mehrheitlichen Brexit-Befürwortung in England scheint ein neues Kapitel eingeläutet zu haben in der Fehde zwischen Schotten und Engländern. Obwohl der Unabhängigkeitsgedanke also noch nicht in politische Souveränität umgesetzt wurde, ist er doch tief verwurzelt in der Identität Schottlands. Doch was macht Schottland so unabhängig, so einzigartig?

Im diesjährigen Länderschwerpunkt wollen wir dieser Frage mit schottischen Kurzfilmen aus der jüngeren Vergangenheit nachgehen. In drei Programmen stellen wir ein Land vor, das trotz seiner vergleichsweise geringen Population eine beeindruckende kulturelle Vielfalt und Tradition aufweist. Gesellschaftliche Themen werden wir so genau abstecken wie die Hügel und Berge der Highlands – der Humor und die Kreativität schottischer Filmemacherinnen und Filmemacher dient uns als Kompass.

Das schottische Kino beginnt mit Filmen über nationale Helden und Ereignisse: Filme wie die Animation "An Incident in the Boer War" (1900) oder zwei konkurrierende, gleichnamige "Rob Roy"-Produktionen (1922) über den schottischen Robin Hood wurden produziert und gefilmt in Schottland, erlangten aber eine nur mäßige Rezeption. Der Konkurrenz aus England und den USA konnten schottische Filmemacher nicht viel entgegensetzen und so blieb die Relevanz für Schottland fast ausschließlich beschränkt auf einen Produktionsort für ausländische Filmemacher, die nichtsdestoweniger aus dem reichen Fundus schottischer Geschichte schöpften. Zu solchen Filmen zählen etwa "Bonnie Prince Charlie" (1923) über den berühmten Jakobiten-Anführer und "Lady of the Lake" (1928) nach einer Geschichte von Sir Walter Scott. Weitaus geschichtsträchtiger ist der schottische Dokumentarfilmer John Grierson ("Drifters", 1929), dem wir den Begriff "Dokumentation" überhaupt erst verdanken.

Dieses zweischneidige Verhältnis Schottlands zum Film wird noch heute fortgeführt. Während schottische Filmemacher wie Kevin Macleod ("The Last King of Scotland", 2006) oder Alexander Mackendrick ("Whisky Galore!", 1949) einigermaßen bekannt sind, steht Schottland international vor allem als Drehort und mit seiner Varianz an historisch-literarischen Stoffen im Rampenlicht. Zu der langen Liste von Filmen, die in Schottland gedreht wurden, gehören: "2001: A Space Odyssey" (1968), "Trainspotting" (1996), diverse "Harry Potter"-Filme (2001-2011) und "Under the Skin" (2013). Schottische Schauspielerinnen und Schauspieler bedürfen währenddessen keiner Vorstellung: Sean Connery, Ewan McGregor, Karen Gillan, James McAvoy, Gerard Butler, Rose Leslie und David Tennant sind nur einige der Namen, die zu weltweitem Ruhm gelangt sind.

Auf keinen Fall aber sollte sich Schottlands Potenzial als Filmland auf den Export beschränken. Die dreißig Kurzfilme, die in diesem Länderschwerpunkt gezeigt werden, sind dreißig gute Gründe dafür. Neben ihrer ästhetischen und narrativen Wirksamkeit drücken sie eine Sensibilität für nationale und internationale Belange aus. Im Programm "Your Wee Bit Hill and Glen" zeigen wir Kurzfilme, die Schottlands zeitlose Mythen und prächtige Natur in den Fokus stellen. Als Kontrast ist bei "The Configuration of a Land" die Psyche der Schotten und das Stadtbild Schottlands ein zentrales Thema. Das Programm "The Man of Independent Mind" befasst sich mit der Kultur und Kreativität dieses einzigartigen Landes. Ein ganz besonderer Einblick in den aktuellen schottischen Kurzfilm erwartet uns mit einer Retrospektive zu den Filmen des aus Glasgow stammenden Filmemachers Bryan M. Ferguson, der zusätzlich in einer Master Class über seine Erfahrungen im Film referiert.