Hingehen, wo's weh tut – Ein Porträt über Jan Soldat

Hingehen, wo's weh tut – Ein Porträt über Jan Soldat

Wir alle haben Träume. Was passiert jedoch, wenn in diese Sehnsüchte radikal Tabus eindringen, welche Gesellschaft und Kultur uns auferlegen?

Jan Soldat gehört zu den interessantesten deutschen Dokumentaristen der Gegenwart. Er porträtiert Menschen, die sich sexuell abseits gesellschaftlicher Normen verorten. So behandelt er in seinen Filmen Fetische wie Zoophilie, BDSM, Adult Babys oder Knastrollenspiele. Damit richtet er seinen Blick auf Themen, die in unsere Gesellschaft tabuisiert werden und sich an einer sozialen Schamgrenze bewegen.

Seine mutigen Stoffe folgen jedoch nicht, wie man zuerst denken könnte, dem Pfad von Provokation, Spektakel oder Außenseitertum. Der Filmemacher nutzt den Film als Medium, Sexualität, menschliche Beziehungen und Körper, sowie Leidenschaft in ihren verschiedensten Formen zu entdecken - und auf diese Weise einen anderen Blick darauf zu werfen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. So werden Jan Soldats Filme zu einem Ort der Auseinandersetzung.

Sexualität und Körperlichkeit im Film waren für den gebürtig aus Karl-Marx-Stadt stammenden Dokumentarfilmer oft eine Leerstelle: „Wenn etwas ausgespart wird, wächst das Bedürfnis, es zu sehen und sich damit zu beschäftigen. Ich denke, dass in dem Bereich vieles ungeklärt ist, gerade auch im Bezug zum eigenen Körper. Die Filme sind für mich eine Beschäftigung damit. Anfangs wollte ich Sexualität filmen, weil mich die Verschleierung von Sex in Spielfilmen genervt hat. Ich wollte Sex dekonstruieren, entromantisieren und von außen zeigen […] Rückblickend handeln meine Filme nicht von Sexualität. […] Die Sexualität in meinen Filmen ist vielmehr als Abstraktion von Beziehungen zu verstehen.“

Neugierig sein. Aufmerksam hinsehen. Über Kategorien hinweg Menschen ihre Menschlichkeit anzusehen. - Das sind zweifellos Eckpunkte seiner dokumentarischen Arbeiten. Seine Filme verstellen ebenso wenig wie sie ausstellen. Sie lassen die Porträtierten für sich sprechen und ermöglichen so ein unbefangenes Kennenlernen – es ist eine empathische Distanz, die letztlich auf Nähe hinauswill. Sein Ziel ist es zu zeigen, dass es an diesen Menschen nichts Gefährliches gibt: „Meine Position zu ihnen ist sehr empathisch, weil ich sie mag - ich würde den Film nicht machen, wenn wir uns nicht mögen würden. […] Ich denke, die Wirkung davon ist, dass du Liebe an Orten findest, an denen du es niemals erwartet hättest.“

Der sympathische Filmemacher, der sich als extrem offen beschreibt, lässt sich überwiegend im Alleingang ohne ein Filmteam mit der Kamera auf Menschenbilder und Situationen ein. In seiner Diplomarbeit betitelte er seine dokumentarische Methode, als ein „kontrolliertes Einlassen“, welche sich stets auf Augenhöhe und im gegenseitigen Einverständnis mit seinen Protagonisten vollzieht. Die freie Arbeitsweise, in der er auf ein Drehbuch, Förderung und institutionellen Rahmen weitestgehend bewusst verzichtet, unterstreichen sein Wirken.

Soldat, der 2008 ein Studium der Film- und Fernsehregie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam begann, bemerkte während dieser Zeit, dass: „[…] meine Spielfilme extrem gewollt sind und auch nicht die Kraft haben von meinen Dokumentarfilmen.“ Der Dokumentarfilm entspricht im Gegensatz zum Spielfilm viel mehr seinem Bedürfnis nach Authentizität und seiner Form von Wahrheit: „Der Dokumentarfilm erlaubt es mir, mich den Menschen wirklich zu nähern.“ Bei Spielfilmen habe er die Abstraktion nicht verstanden. Dramaturgie ist für ihn etwas, das irgendwas voranbringt, und „[…] das fand ich eklig.“. Im Dokumentarische fand er seine persönliche Freiheit. So lassen sich in seinen Arbeiten eine Suchbewegung ausmachen, die im Zusammenspiel und in der Zusammenarbeit mit den Protagonisten entsteht. Sie bestimmen mit, wie der Film am Ende aussieht oder wie lang er werden wird.

Verantwortung und der Schutz seiner Protagonisten steht für Jan Soldat an erster Stelle. Deshalb sind seine Filme auch nur auf Festivals zu sehen. Sie werden weder im Internet veröffentlicht, noch auf DVDs. In dieser Maßnahme sieht er einen „Schutzraum, dass diese Bilder den Menschen nicht weggenommen werden“. Das ist immer wieder eine bewusste Entscheidung von ihm, aber auch im Einvernehmen mit den Leuten, die er filmt.

Der neueste Kurzfilm „Protokolle“ von Jan Soldat läuft am Festival-Samstag 17:00 Uhr im Kleinen Saal im Volksbad. Darin stellt er anonymisierte Interviews mit drei deutschen Männern nach, die davon träumen geschlachtet, zerteilt und verspeist zu werden. Die Protagonisten filmte er in einer Art Interviewsituation: statische Close-ups mit verdunkelten Gesichtern, in denen sich Männer zu ihren geheimen Sehnsüchten bekennen. Zwischen den drei Befragten besteht eine bemerkenswerte Wiederholung von ähnlichen Themen, die sie verbindet: Den überwältigenden Drang, sich verzehren zu lassen. Die Unfähigkeit, ihre Wünsche mit denen zu teilen, die ihnen nahestehen und die Angst vor gesellschaftlicher Ausstoßung.

Quellen:
http://www.jugendohnefilm.com/interview-mit-jan-soldat-kontrolliertes-einlassen/
http://www.shortfilm.de/jan-soldat/
http://www.indiewire.com/2016/06/jan-soldat-vienna-independent-shorts-film-festival-be-loved-1201692156/
http://berliner-filmfestivals.de/2014/03/interview-mit-jan-soldat-vor-der-premiere-von-der-unfertige-in-der-volksbuehne

protokolle2-505x379

Still aus "Protokolle"

headshot-jansoldat_c_miguelbueno-335x505