Female Voices

Portrait: Britt Raes

2018: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Ein historischer Erfolg. Das cellu l'art feiert das Jubiläum mit dem Spezialprogramm "Female Voices" - die Filme über Frauen, Freiheit und (un)Gleichheit. Wir haben uns mit Britt Raes unterhalten - über Feminismus, Animation und was Menschen von Katzen lernen können.

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Britt Raes aus Belgium ist eine von Fachjury des 20. cellu l'art Kurzfilmfestivals. Sie ist auch kunstbegabte Animationsfilmmacherin. Mit dem Kurzfilm "Catherine" hat sie ExAnDo Preis beim letzten Festival gewonnen.

- Was bedeutet Film für dich, im Vergleich mit anderen Kunstformen?

Film (und besonders Animation) ist für mich eine Kunstform, die offen ist, um darin andere Formen der Kunst einzubinden. Das muss man nicht tun, kann aber. Konzeptionieren und Schreiben, Bild (Fotografie, CGI oder Zeichnen), Sound und Musik...Es ist alles dabei. Man wählt also nicht eine Kunstform aus, man entdeckt sie alle und kombiniert sie dann in einem großen Werk: einem Film.

- Wirft man einen Blick auf deinen Vimeo-Kanal, kann man sehen, dass du voll für den Animationsfilm lebst. Wie interessant ist es für dich, auch an Spielfilmen und Dokumentationen zu arbeiten?

Ich liebe es, mir Spielfilme und Dokumentationen anzuschauen! Es ist sehr inspirierend und spannend, sich über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beim Produzieren der verschiedenen Formate auszutauschen. Und wenn sich eine Gelegenheit ergeben sollte, würde ich nicht Nein dazu sagen, eines dieser anderen Formate in der Zukunft auszuprobieren, wenn es in Bezug auf die Story des Films Sinn ergibt. Abgesehen davon liebe ich aber nun einmal wirklich die Animation, bei der es ja auch immer möglich ist, Spielfilm- oder Doku-Elemente mit einzubeziehen. Ich liebe die Animation nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern auch wegen der Menschen, die bei ihrer Entstehung beteiligt sind. Weil das Machen einer Animation ein so zeitaufwendiger und mühsamer Prozess ist, sind die Leute in diesem Bereich meist sehr leidenschaftlich, einfühlsam und warmherzig. Und der fertige Film ist dann eine echte Teamleistung, sodass es nicht viel Platz für Egoismus gibt.
- Katzen sind für dich mehr, als die Protagonisten deiner Filme. Was können Menschen von Katzen lernen?
Wie man entspannter wird? Man kann eine Katze einfach nicht zu etwas zwingen, was sie nicht will. Menschen machen sowas viel zu oft! Achja: Und wie man sich den eigenen Hintern ablecken kann. ;)

- Wer ist deine Lieblings-Filmemacherin?
Da denke ich sofort an einige Animations-Filmerinnen, die ich bewundere! Julia Pott, die meine Mentorin bei der Entwicklung meines Kurzfilms “Catherine” war. Rebecca Sugar, die erste Frau, die eine Serie von Cartoon Network machen durfte. (Ich möchte aber betonen, dass sie sich als non-binary, und nicht als weiblich sieht.) Aisha Madu , die witzige Serien über “Scham” fürs Fernsehen macht. Ihr sauberer Stil kontrastiert den Inhalt so wunderbar! Nadja Andrasev, deren neuen Kurzfilm “Symbiosis” ich unbedingt sehen möchte! Nienke Deutz, deren letzte Arbeit “Bloeistraat 11” einen einzigartigen Stil erschaffen hat, der die Story so gut erweitert hat. Jasmine Elsen, ein wunderbares junges Talent, die ihrer professionellen Debütarbeit gerade die letzten Schliffe gibt. Charlie Dewulf, deren Enthusiasmus und Antrieb mich so inspirieren. (Noch eine non-binäre Schönheit) Sorry an all’ die anderen liebenswerten Ladies, die ich jetzt nicht genannt habe. Es gibt so viel Talent da draußen!
- Kunst, Kultur und Film gelten gemeinhin als Bereiche, in denen Männer und Frauen ziemlich gleichberechtigt sind. Erlebst du trotzdem Unterschiede darin, wie die beiden Geschlechter behandelt werden?
Ich weiß nicht, ob es Gleichberechtigung in unserem Bereich gibt. In meiner persönlichen Erfahrung fühlt es sich generell ziemlich okay an. Aber vielleicht erweisen sich einige Stolpersteine, von denen ich bisher dachte, das sie mit dem Alter der Regisseure zu tun haben, im Nachhinein als tatsächlich geschlechterbezogen? Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wenn ich mir die GEschichte so anschaue (z.B. dass Frauen früher nicht Animationskünstler bei Disney sein durften und erst vor Kurzem der erste Pixar-Film erschienen ist, bei dem eine Frau Regie geführt hat) und wenn ich die Geschichten höre (wie die #metoo-Bewegung oder über John Lassiter), dann wird klar, dass da immer noch einige Arbeit vor uns liegt. Aber ich sehe zum Glück auch die Leute, die aktiv versuchen, ein Bewusstsein und ein Gleichgewicht für alle Geschlechter zu erreichen - Männer, Frauen, Non-Binäre und alles andere in diesem Spektrum.
- Gibt es so etwas wie einen “Frauen(kurz)film”? Siehst du Unterschiede darin, wie Männer und Frauen Dinge in ihren Filmen erzählen?
Das ist eine sehr schwere Frage, weil jeder die Dinge nur aus seiner ganz eigenen Perspektive sehen kann. Was die eine Person als “männlich” definiert, kann von einer anderen als “weiblich” definiert werden. Ist es nicht so? Vor allem, wenn man sich unterschiedliche Kulturen anschaut! Es sei denn, man benutzt die westlichen Stereotype, ohne dieses System in Frage zu stellen. Aber das inspiriert mich nicht besonders. Ich sehe nicht wirklich Unterschiede darin, wie Männer und Frauen Dinge in ihren Filmen erzählen. Das sagt aber vielleicht mehr über mich aus, als über die Filme und die Intentionen ihrer Regisseure.
- Würdest du gern (wieder) so etwas wie eine “feministische Filmbewegung” sehen oder wäre eine “Katzenfilm-Bewegung” die bessere Idee? ;)
Warum nicht beide? :D Ich würde eine feministische Filmbewegung als eine Bewegung beschreiben, die sich für ein Verständnis zwischen allen Geschlechtern einsetzt, indem sie mehr Diversität zeigt und diese bestärkt. Das klingt doch gut, oder? Im Animationsbereich gibt es einige Gruppen, die diese Aufmerksamkeit aktiv vorantreiben, wie “Women in animation” und “Les femmes s’animent”. Also: Lasst sie uns feiern! - Vielen Dank fürs interview, Britt!